Dienstag, 30. Juni 2009

Widerstand gegen CCS!

Irgendwie hatten sich die großen Energiekonzerne das Ganze anders vorgestellt. In aller Eile sollte noch vor Abschluß der Legislaturperiode im Bundestag ein CO2-Speicher-Gesetz durchgebracht werden. Die öffentliche Debatte meidend, wollte die große Koalition ganz im Sinne von RWE & Co. im Schnellverfahren eine Weichenstellung für die sogenannte CCS-Technologie herbeiführen. CCS steht für die englische Bezeichnung Carbon Capture and Storage und beschreibt ein bisher wenig erprobtes Verfahren, mit dem das Treibhausgas Kohlendioxid (CO2) in Kohlekraftwerken abgetrennt, verflüssigt und schließlich am Grund der Ozeane oder in tiefen geologischen Formationen eingelagert wird.

Inzwischen ist jedoch höchst fraglich, ob das »Gesetz zur Regelung von Abscheidung, Transport und dauerhafter Speicherung von Kohlendioxid« noch bis zu den Wahlen im September unter Dach und Fach zu bringen ist. Am heutigen Freitag hatte es in zweiter und dritter Lesung im Bundestag behandelt und schließlich abgestimmt werden sollen. Doch am Dienstag nachmittag wurde es überraschend von der von der Tagesordnung genommen. Vorausgegangen war am gleichen Tag die Ankündigung des schleswig-holsteinischen Ministerpräsidenten Peter Harry Carstensen (CDU), im Bundesrat gegen das Gesetz stimmen zu wollen. Auch in der CSU hatte man in letzte Minute kalte Füße bekommen. Der Grund ist vermutlich ein deutliches Grollen im Bauernverband.
Bürger nicht gefragt
Vattenfall und RWE haben nämlich einen entscheidenden Fehler gemacht: Sie fingen parallel zum Gesetzgebungsverfahren mit der Suche nach etwaigen Standorten für unterirdische CO2-Deponien an. Das hat binnen kürzester Zeit die Bürger an ganz verschiedenen Ecken der Republik auf die Barrikaden gebracht. In Brandenburg, wo Vattenfall in den Landkreisen Oder-Spree und Märkisch-Oderland nach Lagerstätten suchen will, gründete sich Anfang Mai ein Verein »CO2-Endlagerstoppen«. Rund hundert Menschen nahmen an der Gründungsveranstaltung in Beeskow teil. Vattenfalls Pläne sind in der Region Tagesgespräch. Ein kleines Pilotkraftwerk zur CO2-Abtrennung betreibt das Unternehmen bereits seit 2008 am Standort Schwarze Pumpe. 2015 soll daneben ein Demonstrationskraftwerk mit 500 MW Leistung entstehen.

Im Norden, an der Grenze zu Dänemark, sind die Menschen ebenfalls in Aufruhr. Der regionale Bauernverband ruft dazu auf, die örtlichen Bundestagsabgeordneten zu bearbeiten. Zu Protestveranstaltungen auf den Dörfern kommen bis zu 500 Menschen zusammen. In den beiden nördlichsten Landkreisen der Republik, in Nordfriesland und Flensburg, will der Essener RWE-Konzern nach einem geeigneten Platz für eine CO2-Deponie suchen.

Norddeutschland ist nach den Vorstellungen der Ingenieure für derlei besonders geeignet. Hier befinden sich in Tiefen von einigen hundert Metern oft Salzschichten, die die Überbleibsel eines flachen Küstenmeeres aus der Vorzeit sind. Darunter gibt es zum Teil wasserführende Sandsteinschichten, und in die würde man gerne das flüssige CO2 pressen.

Nun ist das Gas zwar, anders als oft bei den Protestierenden zu lesen, vollkommen ungiftig. Dennoch ist es nicht ungefährlich und müßte daher in den Lagerstätten auf ewig sicher eingeschlossen sein. Ewig heißt dabei anders als beim Atommüll nicht einige Jahrzehntausende, sondern tatsächlich ewig. Doch in der Erdgeschichte gibt es keine ewig unveränderlichen Lagerstätten. Die Erdkruste befindet sich in ständiger Bewegung. Platten verschieben sich gegeneinander, heben sich an oder senken sich ab. Dadurch geraten die Schichtungen immer wieder durcheinander. Eines Tages würde dadurch unweigerlich das eingelagerte CO2 wieder freigesetzt.
Latente Risiken
Die Frage ist nur, ob das in einigen Jahrzehnten, Jahrhunderten oder erst Jahrmillionen geschieht. Die Energiekonzerne wollen daher ihrerseits auf Nummer sicher gehen. 30 Jahre nach Abschluß der Befüllung soll die Verantwortung an die Bundesländer übergehen, das heißt, die Risiken werden mal wieder sozialisiert. So steht es bisher im Gesetzentwurf.

Worin bestehen diese Risiken? Zum einen würde das CO2 bei der Freisetzung als Treibhausgas wirken, den Klimawandel also nur in die Zukunft verschieben. Zum zweiten wird es sich in den Schichten, in die es gepreßt wird, zunächst im Wasser lösen und dort eine Säure bilden. Diese, das ist bereits aus Versuchen in den USA bekannt, greift das Gestein an und löst giftige Metalle daraus. Dränge dieser toxische Cocktail durch unvorhergesehene geologischen Prozesse in höhere Schichten vor, so würde er dort das Grundwasser vergiften. Schließlich kann CO2 auch direkt Menschen töten, wenn es aus einem Lager oder einer der Pipelines, die RWE vom Rheinland nach Norddeutschland bauen will, austritt. Voraussetzung ist dafür, daß in der Nachbarschaft des Lecks gerade Windstille herrscht und sich das Gas, das schwerer als Luft ist, in einer Senke sammeln kann. Dort würde es Menschen und Tiere ersticken, weil es den Sauerstoff verdrängt.

Im Norden von Schleswig-Holstein hat sich auch schon eine Bürgerinitiative gegründet und hat bisher über 3000 Mitglieder. Auf den Link kommt mal, wenn man auf die Überschrift klickt.

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