Dienstag, 12. Mai 2009

Ein kurzer Blick in die Untiefen der Finanzmärkte

Der Leitzins

In einer auf Geldvermehrung ausgerichteten kapitalistischen Gesellschaft herrscht grundsätzlich Geldmangel. Der Geldmarkt, ist der einzige Markt mit einer kaum zu befriedigenden Nachfrage. Der größte Regulator auf diesem Markt ist der Leitzins. Alle anderen regulierenden Faktoren richten sich direkt oder indirekt nach diesem. Der Leitzins ist der Zins der Staatsanleihe und die ist praktisch risikofrei. (-> Staaten gehen im Normalfall nicht pleite). Für jedes Risiko, was bei einem Geldgeschäft eingegangen wird, kommt etwas auf den Preis (Zins) oben drauf, dessen Basis das Null-Risiko also der Leitzins ist.

Ausgedachtes Geldkapital

Das zur Verfügung stellen von Geld wird solange stattfinden, wie sich Gewinn damit erzielen lässt. Die Grenzen, die durch die verfügbaren Geldmengen gesetzt sind, müssen von den Banken immerzu durchbrochen werden, wenn sie die Nachfrage bedienen wollen. Dies gelingt auf verschiedenen Wegen, aber vor Allem durch die Geldschöpfung "aus dem Nichts". Also dem Erzeugen von ausgedachtem Geldkapital - etwas, was den Banken vorbehalten ist. Schuldscheine, die die Banken für das Geld kriegen welches sie verleihen, werden von den ihnen behandelt wie "echtes" (also staatliches) Geld - dies funktioniert weil alle Banken dies tun. Weil sie alle an den Wert der Schuldscheine glauben (!), werden diese in der Buchhaltung wie ein (quasi) Guthaben behandelt.

Die wundersame Geldvermehrung

Das ist völlig legal und führt z.B. dazu, dass die Einlage von Liselotte Meyer zu 100% mehrmals verliehen werden kann. Nach jedem Verleihvorgang, kommen 2% von der Leihsumme in die Reserve, der Rest (vom Schuldschein) kann wieder verliehen werden - bis nix mehr da ist. Die Alltags-Annahme ist, dass das Geld bereits nach einmaligem Verleihen weg ist. Die 100 % von Frau Meyer werden aber zig mal verliehen (nicht von ein und der selben Bank, aber das genaue Verfahren soll hier nicht behandelt werden).
Aus 100 Euro können so bis zu 4900 Euro werden, die ganz real (!) in der Gesellschaft zirkulieren.
Ähnlich funktioniert das auch mit Aktien und Wertpapieren - die Papiere, die eigentlich nur Ansprüche darstellen, bekommen, wenn mit ihnen gehandelt wird, einen Wert zugesprochen - und übernehmen dann auch Geldfunktionen, z.B. als Reserve, als Alternative zum Sparbuch oder sogar als Zahlungsmittel. Auf die Weise schwillt die Kapitalmenge, mit der spekuliert werden kann, immer weiter an.

Subprime Krise

Das ist alles gar kein Problem und "Finanzexperten" finden das auch großartig, solange die Menschen (sowie Fonds, Unternehmen, Stiftungen etc.) nur einen kleinen Teil ihres Konto-Guthabens zum "Einkaufen" benötigen. Wenn es jedoch zu einem Vertrauensbruch kommt (Subprime Krise), kommen überdurchschnittlich viele Kontoinhaber auf die Idee, ihr Geld vom Markt abzuziehen - sprich sie wollen ihre Einlagen, die zig mal verliehen worden sind, zurück haben. Gleichzeitig verlieren die Banken das Vertrauen untereinander - auf einmal glaubt (!) niemand mehr an den Wert der Schuldscheine.
Das ist die Katastrophe, vor der sich alle fürchten. Wenn Banken sich untereinander nichts mehr leihen, werden sie Zahlungsunfähig, denn ihre Reserven (erst Recht die Bargeldreserven) sind minimal. Keine Bank kann es sich leisten, das Geld im Safe vor sich hin "gammeln" zu lassen - deshalb haben sie in der Krise auch nicht genug Geld und gehen pleite. Das Geldsystem droht zu kollabieren. Nur der Staat kann das verhindern. Liquidität = Vertrauen und umgekehrt.

Der Zwang zur Gewinnsteigerung

Kann man das nicht unterbinden? Nein. Im Kapitalismus ist der Bedarf an Geld riesig - so gut wie kein Unternehmen ist ohne Schulden, ähnlich sieht es bei Städten und Staaten aus. Zur Aufrechterhaltung des Tagesgeschäftes braucht es immer neue Kredite. Die kapitalistische Wirtschaft ist mit Krediten geschaffen worden und kann auch nur mit Hilfe dieser am Laufen gehalten werden. Das staatliche Geld würde dafür nie ausreichen, da der Bedarf ja keine Grenze kennt, darf auch das Angebot keine Grenze haben - staatliches Geld jedoch, ist im Normalfall begrenzt (Die Zentralbank achtet darauf, dass nicht zuviel Geld im Umlauf ist).
Eine Finanzmarktkrise hat immer Auswirkungen auf Industrie und Gewerbe, ihr "Kapitalhunger", ergo der Zwang zur Gewinnsteigerung, hat ja den Finanzmarkt erst nötig/möglich gemacht. Sie nehmen nicht nur gerne das Geld aus dem Keditsystem, sondern sie legen ihre "Überschüsse" dort auch gewinnbringend an. Die Auffassung, es gäbe eine Trennung in "Geldwirtschaft" und "Realwirtschaft", hält nur Illusionen über den Kapitalismus aufrecht. Es gibt verschiedene Märkte für verschiedene Produkte, aber nur eine kapitalistische Wirtschaft.

Der Glaube in den Wert der bedruckten Scheine

Das staatliche Geld ist eigentlich auch "ausgedacht" - es wird aber durch die Staatsgewalt garantiert - der Glaube in den Wert der bedruckten Scheine ist deshalb auch nur in historischen Ausnahmesituationen erschüttert, z.B. nach einem verlorenen Krieg. Die Menschen gehen dann zu anderen Währungen (Marx würde sagen: Fetischen) über, an deren Wert sich leichter glauben lässt z.B. Zigaretten.
Die Anhäufung von Kapital auf den Finanzmärkten jedoch, führt nicht nur in Ausnahmesituationen zur Krise, sondern unweigerlich. Denn das Vertrauen in die Banken und in die Märkte kennt sehr wohl Grenzen.

Das Spekulieren

Da fast alle Preise im Kapitalismus mal sinken und mal steigen - lässt sich auf diese Wertveränderung auch spekulieren. Entweder kann man klassisch auf Preissteigerung spekulieren: billig kaufen - später teuer verkaufen. Oder mittels "Futuroptions" auf Preisminderung spekulieren: Wertpapiere für eine Zeit lang ausleihen, teuer verkaufen - später billig zurückkaufen und dann dem Eigentümer zurückgeben. Sobald man Schuldscheinen einen Wert zugesteht, kann man auch auf die Wertveränderung der Schuldscheine spekulieren.
Die Spekulation verstärkt das "eigentliche Problem" jedoch nur - es ist nicht die, sondern eine Ursache der Krise. Um so höher das Risiko, was man bei der Spekulation eingeht, desto höher die Gewinnerwartung. Große Gewinnerwartungen führen z.T. dazu das Wertpapiere extrem überbewertet werden, dass heißt das unverhältnismäßig viel Geld in einem Teil des Marktes zirkuliert - die so genannte Finanzblase entsteht. Aber - und das ist der Schlüssel zum Verständnis - umso höher das Risiko, desto höher ist auch die Nervosität der Anleger und es braucht dann nicht viel um den Vertrauensverlust bzw. eine Panik auszulösen.

Die Finanzblase platzt

Krisen gibt es immer wieder im Kapitalismus, und sie laufen immer ähnlich ab:
Ein begehrtes Objekt (Aktien, Immobilienkredite, Öl o.ä.) steigt im Preis, daraufhin wird noch viel mehr gekauft, da alle spekulieren, dass die Preise weiterhin steigen und sie dann einen fetten Gewinn machen wenn sie später verkaufen. Irgendwann ist der Höhepunkt erreicht, die Ersten wollen nun wieder verkaufen und ihren Gewinn einstreichen - die Preise fallen wieder rapide ab. Im aktuellen Fall wurden viele Hauskredite an Menschen vergeben, die diese kaum zurückzahlen können. Um das Risiko loszuwerden, wurden die Schuldscheine zu Wertpapieren gemacht (verkäufliche Ansprüche auf Zins). Diese wurden in Wertpapierpaketen verschleiert und international gehandelt. Als die Immobilienpreise sanken, kamen Zweifel am Wert der Papiere auf, Häuser wurden zwangsversteigert und die Preise (der Immobilien und Wertpapiere)sanken weiter. Panik brach aus, alle wollen ihre "Wertpapiere" mit den "faulen Kredite" nun loswerden - der Markt bricht zusammen. Die Finanzblase platzt. Ein Markt also, wo Dinge gehandelt wurden, die in ihrem Wert total überschätzt waren. Ähnliches passierte bereits 1991 in Asien mit Immobilien oder 1999/2000 mit Internetfirmen Weltweit.

Das Geld verschwindet wieder

Wenn der Vertrauensverlust einen Markt betrifft, der weltweit stark verflochten ist, und der über ein großes Finanzvolumen verfügt, dann ist die Kettenreaktion auch entsprechend stark.
Aktuell ist es der Markt für US-Immobilienkredite und die Spekulation auf deren Wertveränderung. Der Zusammenbruch eines Marktes führt zur Krise und betrifft dann auch viele andere Märkte. Es kommt zu einer allgemeinen Panik, in der viele ihr Geld vom Markt abziehen. Kredite werden "abgeschrieben" - das heißt die Schuldscheine werden wertlos - fiktives Kapital verschwindet einfach "ins Nichts" - dahin, woher es gekommen ist. Staatliches handeln versucht in der Krise Vertrauen zu schaffen indem "frisches" staatliches Geld locker gemacht wird, um so den Kollaps zu verhindern. Durch Investitionsprogramme soll dann auch noch die drohende Rezension verhindert werden. Wenn das alles gelungen ist, versucht der Staat wieder möglichst viel Geld vom Markt abzuziehen - denn seine Geldflut hatte in jedem Fall einen Wertverlust der Währung zur Folge, eine starke Inflation droht, die es nun abzuwenden gilt.

Nochmal in Kürze:

  • Eine auf Geldvermehrung ausgerichtete Wirtschaft braucht Kredite um im Konkurrenzkampf bestehen zu können. Und will Überschüsse gewinnbringend anlegen.
  • Banken konzentrieren das Geld der Gesellschaft auf sich und decken den Bedarf der Wirtschaft indem sie fremdes Geld verleihen.
  • Um dem riesigen Bedarf gerecht zu werden, werden die Grenzen des Verfügbaren gesprengt - mit Hilfe der Geldschöpfung und anderen Methoden. Schuldscheine und andere verbriefte Ansprüche werden zu Geld. Einlagen können mehrmals im Markt zirkulieren.
  • Spekulation auf Wertveränderung von Finanzprodukten und andere riskante kapitalistische Unternehmungen sind gekoppelt mit der Verlustangst der Anleger und können bei bestimmten Auslösern zum Vertrauensverlust in einem Markt führen - Panik entsteht. Die darin verwickelten Finanzinstitute werden aufgrund der dann einsetzenden Kapitalflucht zahlungsunfähig, da die Einlagen der Kunden verliehen sind.
  • Bei starker Verflechtung des zusammenbrechenden Marktes mit Finanzinstituten auf der ganzen Welt kann es zur globalen Finanzkrise kommen.
  • Der Staat interveniert mit "frischem" Geld, um den Zusammenbruch des Geldsystems zu verhindern. Er tut dies trotz der großen Gefahr eine Inflation. Die ganze Absurdität der kapitalistischen Wirtschaftsform wird in der Finanzkrise deutlich - wenn sich die Zerstörungskraft der Märkte entfaltet. Die Menschen sind den Systemen, die sie selbst geschaffen haben, ausgeliefert.

Freiheit ist das, was im Kapitalismus gerade nicht existiert.

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