Dienstag, 12. Mai 2009

Lübeck, 28. März 2009: Hautnah dabei

Du bist ein Revolutionär, doch Sie nennen dich einen Terroristen.

Du kämpfst für die Freiheit, aber Sie schränken deine Freiheit deswegen ein.

Du streitest für den Sozialismus, doch Sie werfen dir immer nur die Verbrechen der DDR an den Kopf.

Du bist gegen ihren Kapitalismus, und Sie behaupten, du wendest dich gegen die Demokratie.

Stattdessen

Und stattdessen dürfen Nazis weiter frei, ja sogar von der Polizei bewacht, durch unsere Städte marschieren und ihre menschenverachtende Ideologie verbreiten, die schon einmal ganz Europa ins Chaos gestützt hat und letztendlich über 60 Mio. Menschen das Leben kostete. Wenn die neoliberale Regierung dies auch noch unterstützt, ist es unsere Aufgabe, dies zwar ohne Gewalt, aber als Einheit zu verhindern.


Am 28.03.2009 war es mal wieder soweit, dass die Rechtsextremen wie jedes Jahr an diesem Tag in Lübeck aufmarschieren wollten, um die Lübecker Bombenopfer aus dem 2. Weltkrieg, für den Nazi-Deutschland verantwortlich war, für ihre Ideologie zu missbrauchen.

Schon eine Woche vorher hatten die Nazis versucht in Lübeck eine „Mahnwache“ abzuhalten. Aufgrund der starken Gegenwehr von Antifaschisten konnte diese massiv gestört werden. Doch die Ordnungshüter zeigten mal wieder – wie so oft bei solchen Begegnungen – ihre nicht gerade distanzierte Haltung zu den Rechtsextremen, und fuhren diese auf Staatskosten weg.

Antifaschistische Bündnis

Am 28. März 2009 wollten nun die Nazis um 12 Uhr vom Vorplatz des Bahnhofes los marschieren. Doch ein großes antifaschistisches Bündnis (DIE LINKE, Linksjugend Solid, Jusos, Kirchen, Avanti, SPD, VVN, Antifa, Migrantengruppen, Gewerkschaften...) trafen sich schon um 10 Uhr dort, blieben dort auch bis zum Schluss und verhinderten gemeinsam erfolgreich die Aufmarschpläne der Demokratiefeinde. Die Kundgebung am Vorplatz fand großen Anklang, und so kamen über 2000 Antifaschisten, um sich mit Lübeck im Kampf gegen Freiheitsgegnern zu solidarisieren.

Sondereinsatzkommando - Part 1

Der sogenannte „schwarze Block“ hielt sich immer etwas von den anderen Antifaschisten entfernt, doch die Polizei versuchte schon von Anfang an, die Gäste der Kundgebung mit zwei Wasserwerfern und patrouillierenden Polizisten einzuschüchtern.
Um 12 Uhr trafen dann die Rechten am Bahnhof ein. Ungefähr 70 friedliche Demonstranten wollten es den Nazis durch eine Sitzblockade erschweren, den Bahnhof zu betreten. Doch unerwartet kamen schwarz uniformierte Polizisten vom Sondereinsatzkommando (SEK) hinzu und schlugen ohne Vorwarnung auf die wehrlosen Demonstranten ein. Diese Aktion des SEK war so brutal, dass extra Krankenwagen angefordert werden mussten, obwohl schon vorher viele Krankenwagen anwesend waren. Ein nur leicht Verletzter sprach hinterher sogar von bewusstlosen und blutverschmierten Opfern. Den Polizisten wurde durch ein Pfeifkonzert deutlich gemacht, was man von ihnen hält, doch viele von den Polizisten nahmen dies mit einem Lächeln hin.

Freiraum für mehr Austausch

Um 13 Uhr schienen einige Demonstranten, besonders von der SPD und den Jusos („Jungsozialisten“), ihre Solidarität vergessen zu haben und verließen einfach die Demo. Wobei doch jeder Linke wissen sollte, dass man niemals dem Antifaschismus den Rücken zu kehren sollte. Zuerst sank die Stimmung durch diese boykottartige Aktion der Sozialdemokraten. Danach führte dieser Freiraum für mehr Austausch zwischen den Bündnispartnern und die Stimmung wurde angenehm locker. Selbst mit einigen aus den „bösen“ Schwarzen Block konnte man offen reden.

„Kommunistenschwein“

Eine Gruppe von Demonstranten kam plötzlich zur Kundgebung, die am Ziegelteller (Verkehrskreisel) von der Polizei „notwendigerweise“ aus den Weg geschaffen wurden. Immer mehr richtete sich der Protest verständlicher Weise gegen die Polizisten, die den Anschein erweckten, mit den Nazis sehr stark zu sympathisieren. An einer Brücke, die am Bahnhof über die Gleise führt, taten der Schwarze Block und mit ihm viele andere Demonstrante ihre Unzufriedenheit den Einsatzkräften verbal kund. Doch anstatt zu versuchen, die Situation zu entspannen, konterten die grünen/schwarzen Bürger in Uniform mit Beleidigungen und Spott. Wörter wie „Zecke“ oder „Kommunistenschwein“ wurden einen während der Demo öfters von den Polizisten an den Kopf geworfen.

Schwarzer Block

Natürlich ging das ganze Geschehen nicht an Berlin vorbei und so waren z. b. auch zwei Vertreter von der Partei DIE LINKE aus dem Bundestag vertreten. Das ganze Geschehen verlagerte sich in Richtung des etwa 300 Meter entfernten ZOBs, dort stand das SEK schon mit zwei Wasserwerfern bereit, von denen sie auch später Gebrauch machten. Nach Aussagen von Mitgliedern des Schwarzen Blockes wollte man in diesem Jahr deeskalierend wirken, da sich die Spezialeinheiten der Polizei schon in den vergangenen Jahren durch gewalttätige Übergriffe auf Demonstranten in Szene gesetzt hatten. Doch es kam mal wieder wie immer.

Sondereinsatzkommando - Part 2

Der ganze ZOB war voller Demonstranten und uniformierten „Staatsschützern“. Auf einmal hörte man einen Knall! Viele Demonstranten liefen daraufhin in diese Richtung um zu gucken, was passiert sei. Sie wurden aber von einer SEK-Mauer gestoppt. Einige kamen dennoch durch und konnten sehen, wie Mitglieder des Schwarzen Blocks von Polizisten mit Schlagstöcken und Polizeihunden in enge Gassen gejagt wurden. Augenzeugen berichteten später von Demonstranten, welche von SEK-Banden gnadenlos niedergeknüppelt wurden. So viel zum Thema „Die Polizei Dein Freund und Helfer“.Freunde von Freiheit und Demokratie schienen sie allerdings nicht zu sein. Andauernd droht man selbst von der Polizei angegriffen zu werden, nur weil man zur falschen Zeit am falschen Ort sein konnte.

Sondereinsatzkommando versus Schwarzer Block

Plötzlich lief der ganze Schwarze Block brüllend auf die Polizei zu und diese mussten sich erstmal hinter ihren Wasserwerfern verstecken. Doch die Polizei schien nun total zu über reagieren. Schnell formierte sich das SEK neu, und es wurden immer mehr.
Während sich auf den ZOB viele Demonstranten aufhielten, die eindeutig nicht zum Schwarzen Block gehören, oder auch Menschen, die gar nichts mit der Demo zu tun hatten, stürmte die Polizei den Platz. Eine Panikstimmung ergriff alle Nichtuniformierten. Mit erhobenen Knüppel und ausgefahrenen Wasserwerfern attackierte das SEK alle Anwesenden. Alle, egal ob Demonstrant oder nicht, wurden von der Polizei über den ZOB zum Vorplatz des Bahnhofes gejagt. Ob jung, ob alt, ob groß, ob klein: Jeder hatte Angst vor der ungezügelten Polizeigewalt. Wer nicht schnell genug war, bekam was mit den Knüppel ab. Diese Situation erinnerte beinahe an die gewaltsame Niederschlagung der Demonstration gegen den persischen Schah im Jahre 1968, wo unser Genosse Benno Ohnesorg eiskalt von der Polizei erschossen wurde (Diese Situation kann man auch im Film „Baader Meinhof Komplex“ sehen).

Sondereinsatzkommando - Part 3

Am Vorplatz des Bahnhofes angekommen, wurden alle Gejagten zusammen gedrängt und mit dem Generalverdacht konfrontiert, einen gewaltsamen Aufstand im Schilde zu führen. Zwei junge Leute schafften es denoch irgendwie an den Polizisten vorbei zu kommen. Sie wollten verhindern, dass der Zug voller Nazis los fahren konnte und kletterten über eine Absperrung. Einige SEK-Polizisten liefen ihnen hinterher und jagten die beiden genau auf die Gleise. Nach einigen Metern hatten die Polizisten die beiden Jugendlichen erreicht. Sie schlugen den Flüchtenden zwischen Schulter und Hals, so dass diese wie Sandsäcke zusammen klappten. Unter grellenden Pfiffen schleppten die Polizisten dann die beiden Opfer weg.

Polizisten verstießen gegen Gesetze

Wir mussten noch ca. eine Stunde in diesen Kessel verbleiben, bis wir endlich wieder unsere Freiheit hatten. Das Verhalten der Polizei war nicht nur unmoralisch, sondern vollkommen gesetzwidrig. So verstieß die Polizei z. b. gegen den Artikel 14 unserer Verfassung, welcher besagt, dass jeder Mensch das Recht hat, sich in der Öffentlichkeit frei zu bewegen. Wir alle müssen uns fragen, weshalb friedliche Demonstranten von der Polizei wie Schwerverbrecher behandelt werden, und Nazis, welche eine Diktatur errichten wollen, von den Ordnungshütern geschützt werden.

Nazis verstießen gegen Auflagen

Hinzukommt auch noch, dass die Nazis gegen viele Auflagen verstießen (keine Springerstiefel und verhöhnende Kleidung), doch genau das Gegenteil war der Fall. Auf Fotos konnte man ganz deutlich sehen, dass Nazis Springerstiefel trugen und manche Nazis Skelettkostüme an hatten, um die 90 Juden, die zur NSDAP-Zeit in Lübeck am gleichen Jahrestag ihr Todesurteil bekamen, zu verhöhnen. Die Polizisten hätte den Nazi-Aufmarsch abbrechen MÜSSEN, doch stattdessen unterstützen sie die Rechten noch. Zahlreichen Augenzeugenberichten ist zur entnehmen, dass die Nazis vor der Polizei ganz offen den Hitlergruß gemacht haben. Die Uniformierten schritten natürlich nicht ein.

Was können wir tun damit es nächstes Jahr besser läuft?

Wichtig ist immer ein demonstrativer Zusammenhalt. Erfolgreiche Demos haben gezeigt, dass nur eine Zusammenarbeit von ALLEN Demonstranten einen wirklichen Erfolg bringt. Besonders die 68er Revolution ist ein sehr gutes Beispiel dafür. Man muss sich offensiv dem Gegner entgegen stellen und trotzdem nicht zur Gewalt tendieren. Dies wäre z.B. durch geschlossene Reihen möglich, d.h. dass sich ALLE Demonstranten vereinen und sich einhaken.

Ein Finger ist leicht zu brechen,


doch 5 Finger sind eine ganze Faust!

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